Die Buecher und das Paradies by Umberto Eco

Die Buecher und das Paradies by Umberto Eco

Author:Umberto Eco [Eco, Umberto]
Language: deu
Format: epub, mobi
ISBN: 9783423342766
Published: 2006-02-02T00:00:00+00:00


Les sémaphores sous la pluie'

Wie stellt man den Raum mit Worten dar? Das Problem hat eine Geschichte, und die Tradition rubriziert die Techniken der verbalen Darstellung des Raumes (wie aller anderen visuellen Erfahrungen) unter den Namen der Hypotypose oder evidentia, die bisweilen gleichgesetzt, bisweilen als verwandt beschrieben wird mit der illustratio, der demonstratio, der ekphrasis oder descriptio, der enärgeia usw.

Unglücklicherweise sind jedoch alle Definitionen der Hypotypose kreisförmig, das heißt, sie definieren als Hypotypose jene Redefigur, durch die visuelle Erfahrungen mit Hilfe verbaler Mittel dargestellt oder evoziert werden. Siehe die Definitionen der großen antiken Rhetoriker, von Hermogenes bis Longinos, von Cicero bis Quintilian, die ich dem Lausberg entnehme, ohne mich weiter um die Vaterschaften zu kümmern, scheint doch ohnehin eine die andere zu wiederholen: (a) credibilis rerum imago quae velut in rem praesentem perducere audientes videtur, (b) proposita forma rerum ita expressa verbis ut cerni potius videatur quam audiri, (c) quae tam dicere videtur quam ostendere, praesentans oculis quod demonstrat, (d) quasi gestarum sub oculis inductio1 - und so weiter.

Vor mir habe ich (und zwar diesmal im Wortsinn »vor Augen«) den Text über die Hypotypose, den Hermann Parret im vergangenen Juli auf dem internationalen Kolloquium in Cerisy vorgetragen hat2, und auch hier scheint mir die Expedition ins Gestrüpp der neueren Theoretiker keine zufriedenstellenden Resultate erbracht zu haben. Dumarsais erinnert daran, daß Hypotypose Bild oder Gemälde bedeutet und immer dann vorliegt, »wenn in Beschreibungen die Dinge, von denen die Rede ist, so ausgemalt werden, daß es scheint, als ob das, was man sagt, tatsächlich vor Augen läge; man zeigt in gewisser Weise das, was man nur erzählt ...« (Des tropes ou des différents sens ..., 1730), und für andere Theoretiker läßt diese Stilfigur die Realität »mit Händen greifen« - eine schöne Metapher, gewiß, aber eine Figur zu benutzen, um eine andere zu definieren, ist ein bißchen wenig. Zumal es ja, wie schon Aristoteles weiß, eine rhetorische Figur gibt, die einem die Dinge fast unter die Nase hält, nämlich die Metapher - und niemand wird behaupten wollen, daß die Metapher dasselbe sei wie die Hypotypose. Die Wahrheit ist: wenn die rhetorischen Figuren der Rede Glanz, Lebendigkeit und Überzeugungskraft geben sollen und wenn man mit Horaz zugeben muß, daß die Dichtung ut pictura ist, dann überraschen alle Redefiguren den Leser oder Zuhörer damit, daß sie ihm in gewisser Weise etwas vor Augen oder unter die Nase halten. Wenn das aber so ist und diese Metapher also wirklich zu allgemein wäre, was wird dann aus der Hypotypose?

Zum Glück sind die Theoretiker gerade da, wo sie uns nicht zu sagen vermögen, was eine Hypotypose ist, fast immer in der Lage, sehr schöne Beispiele für sie zu geben. Die ersten drei stammen von Quintilian (Institutio Oratoria, VIII, 3, 63 - 69). Das erste verweist auf einen Vers der Aeneis (V, 426), wo zwei Faustkämpfer gegeneinander antreten und »sich beide sogleich auf die Zehenspitzen recken«. Das zweite zitiert die Verrinen (5, 33, 86): »Am Ufer stand, in Sandalen, mit einem roten Mantel und einer bis zu den Füßen



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